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22.03.2011



Lothar de Maizière: Wir müssen die Kinder schützen

Steigende Resistenzrate bei Kindertuberkulose in Europa

Berlin, 22.3.2011 Zwar geht die Tuberkulose in der EU zurück, aber der Anteil der Kinder unter den Betroffenen steigt. Alleine 2009 erkrankten 3300 Kinder in der EU an TB. Besonders stark sind Lettland, Litauen, Rumänien und Bulgarien betroffen. Auch in Deutschland nehmen die Fälle von Kinder-TB seit drei Jahren zu und wird für 2010 auf 160 Fälle geschätzt. Tuberkulose bei Kindern ist schwerer zu diagnostizieren, schwerer zu behandeln und nimmt häufig schwerere Verläufe als bei Erwachsenen.

Ursachen für die alarmierende Entwicklung und potenzielle Lösungsansätze zur Bekämpfung der Kindertuberkulose diskutierten Spezialisten aus ganz Europa am 21. und 22. März auf dem Symposium „On the move against childhood tuberculosis – transforming the fight towards elimination“. Organisator des Symposiums ist das Koch-Metschnikow-Forum, eine Initiative des Petersburger Dialoges.

Lothar de Maizière, Leiter des Lenkungsausschusses des Petersburger Dialoges und Ehrenmitglied der Berliner Medizinischen Gesellschaft, begrüßt die Bemühungen ausdrücklich: “Am eigenen Leibe habe ich erfahren müssen, wie schwerwiegend Tuberkulose in das Leben eingreift. In Ländern Osteuropas mit hoher Verbreitung von TB müssen wir die Kinder schützen. Um der Kinder willen, aber auch, um die Krankheit in diesen Regionen je kontrollieren zu können.”

Die Behandlung von Kindertuberkulose stellt die Medizin vor große Herausforderungen, weil es sowohl an Tests als auch an wirksamen Medikamenten fehlt, die für Kinder geeignet sind. Kinder leiden häufig an schweren, sogar tödlichen Verlaufsformen der Tuberkulose, z.B. an tuberkulöser Meningitis (Hirnhautentzündung) oder Miliartuberkulose (disseminierte Lungentuberkulose). Schließlich erschwert in Osteuropa die weitere Verbreitung multiresistenter Tuberkulose-Erreger und die Häufung von TB/HIV-Koinfektionen die Kontrolle der Krankheit.

„Die Bekämpfung der Tuberkulose in Osteuropa wird wegen zunehmender Resistenzen immer schwieriger", kommentiert Dr. Timo Ulrichs, Leiter der Tuberkulosesektion des Koch-Metschnikow-Forums die Besorgnis erregende Entwicklung. "In wissenschaftlichen Partnerprogrammen, wie zum Beispiel im Bereich epidemiologischer Untersuchungen, können wir zusammen mit unseren Kollegen in den schwer belasteten Ländern konkrete Handlungsempfehlungen formulieren, damit sich die Tuberkulose vor allem bei Kindern nicht weiter ausbreitet. Das Koch-Metschnikow-Forum hat eine Reihe von wissenschaftlichen Kooperationsprojekten mit osteuropäischen Partnern zur Bekämpfung der Kindertuberkulose begonnen."

Weltweit erkranken jedes Jahr eine Million Kinder an Tuberkulose. Laut neuesten Daten aus dem WHO-Büro in Kopenhagen treten in der WHO-Euro-Region jährlich 12.600 Neuinfektionen bei Kindern auf, das entspricht einer Rate von 8 Infektionen auf 100.000 Kinder. Über 85 Prozent der Infektionen werden aus Ländern gemeldet, die besonders stark mit TB belastet sind und bei der WHO als „Hochprioritätsländer“ (s.u.) gelten. Die Rate in diesen Ländern ist mit 14,25 Fällen auf100.000 Kinder mehr als sechsmal höher als in der übrigen Euro-Region mit 2,32 Fällen. Dabei werden bei Weitem nicht alle Fälle diagnostiziert und gemeldet.

„Kindertuberkulose wurde lange vernachlässigt – dabei machen Kinder weltweit 15 bis 20 Prozent aller entdeckten Tuberkulosefälle aus“, stellt Dr. Anne Detjen, Fachberaterin der International Union Against Tuberculosis and Lung Disease fest. „TB-infizierte Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen ein höheres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken und erleiden häufiger eine schwerere und disseminierte Erkrankung. Zudem sind infizierte Kinder quasi der Pool für Erkrankungen in der Zukunft.“

Darum, so Detjen, müssten neue Medikamente, Impfstoffe und Diagnostika konsequent für Kinder weiter entwickelt werden und Eingang in die klinische Praxis finden.

Die 18 „Hochprioritätsländer“ der WHO-Euro-Region sind: Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Bulgarien, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Lettland, Litauen, Moldawien, Rumänien, Russische Föderation, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan, Ukraine und Usbekistan.

 

Das Koch-Metschnikow-Forum

Das Koch-Metschnikow-Forum (KMF) ist eine deutsch-russische Wissenschaftsorganisation zur Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Gesundheitswesen in praktisches Handeln. Entstanden als Initiative des Petersburger Dialogs (PD), arbeitet das Forum in Abstimmung mit den Gesundheitsministerien der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation im Rahmen der Modernisierungspartnerschaft Deutschland/Russland. Ziel der Aktivitäten des KMF ist, einen Beitrag zur Angleichung des Russischen Gesundheitswesens an das Niveau der EU zu leisten. Neben Projekten mit russischen Partnern arbeitet das KMF auch aktiv mit anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zusammen, z.B. mit Georgien, Armenien, Aserbaidschan und der Republik Moldau.

Das KMF arbeitet mit dem Deutsch-Russischen Forum zusammen, das die gleiche Zielsetzung verfolgt wie das KMF: die Stärkung der Zivilgesellschaften beider Länder. Weiterer Kooperationspartner ist der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Das Forum arbeitet in den Bereichen Tuberkulose, HIV/Aids, Virusdiagnostik, eHealth, Katastrophenmedizin, Krankenversicherungswesen, Mütter- und Kind-Gesundheit.
Das Koch-Metschnikow-Forum bedankt sich bei BD, Heidelberg, für die freundliche Unterstützung, mit der sie dieses Symposium ermöglicht hat.

23.-25.10.2017, St. Petersburg: VI. Kongress des Russischen Nationalen Verbandes für Lungenheilkunde


4.-7.10.2017, Vilnius: Zweites Gipfeltreffen m.S. Übertragbare Erkrankungen